Bei den stochastischen Ketten sind sowohl der Zustandsraum
als auch der Parameterraum
diskret, d.h., der stochastische Prozeß wurde nur zu den diskreten Zeitpunkten
betrachtet.
Beim POISSON-Prozeß wird dagegen ein stetiger Parameterraum
vorausgesetzt.
1. Mathematische Formulierung
Zur mathematischen Formulierung des POISSON-Prozesses wird festgelegt:
1. Die Zufallsgröße
sei die Anzahl der Signale im Zeitintervall
[0,t);
2. die Wahrscheinlichkeit
sei die Wahrscheinlichkeit für
Signale im Zeitintervall .
Darüber hinaus werden folgende Voraussetzungen gefordert, die vom radioaktiven Zerfall
und von vielen anderen zufällig ablaufenden Prozessen (zumindest annähernd) erfüllt
werden:
3. Die Wahrscheinlichkeit
für
Signale in einem Zeitintervall
der Länge
hängt nur von
und
ab, aber nicht von der Länge des Zeitintervalls
auf der Zeitachse.
4. Die Anzahl der Signale in disjunkten Zeitintervallen sind unabhängige
Zufallsgrößen.
5. Die Wahrscheinlichkeit für mehr als ein Signal in einem kleinen Zeitintervall
der Länge
ist proportional zu dieser Länge.
Der Proportionalitätsfaktor werde mit
bezeichnet.
2. Verteilungsfunktion
Durch die voranstehenden Eigenschaften 3. bis 5. ist die
Wahrscheinlichkeitsverteilung der Zufallsgröße
bestimmt.
Man erhält:
(16.119a)
(16.119b)
3. Bemerkungen 1. Für
ergibt sich aus (16.119a) als Spezialfall die
POISSON-Verteilung.
2. Zur Interpretation des Parameters
und eventuell zu seiner
genäherten Bestimmung aus beobachteten Daten sind die folgenden Zusammenhänge
nützlich:
ist die mittlere Anzahl von Signalen pro Zeiteinheit,
ist der mittlere Abstand zweier Signale eines
POISSON-Prozesses.
3. Der POISSON-Prozeß kann als zufällige Bewegung (Irrfahrt) eines
Teilchens auf dem Zustandsraum
gedeutet werden.
Das Teilchen startet im Zustand ,
und bei jedem Signal springt es vom Zustand
in den nächsten Zustand .
Dabei soll in einem kleinen Zeitintervall
für die Übergangswahrscheinlichkeit
vom Zustand
in den Zustand
gelten:
(16.120)
Die Größe
heißt hier Übergangsrate.
Beispiele für Poisson-Prozesse
Beispiel A
Der radioaktive Zerfall ist ein typisches Beispiel für den POISSON-Prozeß:
Mit einem Zählgerät werden die Zerfallsakte (Signale) registriert und über einer
Zeitachse abgetragen.
Der Beobachtungszeitraum sei dabei vernachlässigbar klein im Vergleich zur Halbwertszeit
des radioaktiven Strahlers.
Beispiel B
Für die Anzahl der in einer Telefonzentrale bis zum Zeitpunkt
registrierten
Telefongespräche läßt sich z.B. die Wahrscheinlichkeit dafür berechnen,
daß bis zur Zeit
höchstens
Gespräche vermittelt werden, wenn
pro Zeiteinheit durchschnittlich
Gespräche geführt werden.
Beispiel C
Bei Zuverlässigkeitsuntersuchungen wird die wahrscheinliche Anzahl der Ausfälle
eines reparierbaren Systems während der Betriebsdauer berechnet.
Beispiel D
In der Bedienungstheorie wird die Anzahl der bis zur Zeit
eintreffenden Kunden an
einer Kaufhauskasse, einem Fahrkartenschalter oder einer Tankstelle betrachtet.